Nordenskiöldsloppet 2018
Nordenskiöldsloppet 2018: Start auf einem See bei Purkijaur (Schwedisch Lappland) am 24.03.2018 um 6 Uhr
Nordenskiöldsloppet 2018
Nordenskiöldsloppet 2018
Nordenskiöldsloppet 2018: Von Purkijaur nach Kvikkjokk, 2 Stunden nach dem Start bei -15°C in den schwedischen Wäldern
Nordenskiöldsloppet 2018
Matthias Michalowski beim Nordenskiöldsloppet 2018 (Foto: Skadi Michalowski)
Nordenskiöldsloppet 2018: Matthias in der Spur (Foto: Skadi Michalowski)
Matthias Michalowski beim Nordenskiöldsloppet 2018 (Foto: Skadi Michalowski)
Matthias Michalowski beim Nordenskiöldsloppet 2018 (Foto: Skadi Michalowski)
Nordenskiöldsloppet 2018: Matthias Michalowski, 3,5 Stunden nach dem Start (Foto: Skadi Michalowski)
Matthias Michalowski beim Nordenskiöldsloppet 2018 (Foto: Skadi Michalowski)
Nordenskiöldsloppet 2018
Nordenskiöldsloppet 2018: 9 Stunden nach dem Start in den Weiten Lapplands auf einer Seenkette nach Kvikkjokk östlich des Sarek-Nationalparks
Nordenskiöldsloppet 2018
www.nordenskioldsloppet.se

Nordenskiöldsloppet 2018

24./25.03.2018 Langlaufabenteuer am Polarkreis Matthias Michalowski

„Nur noch zwei schwedische Meilen“, verabschiedet eine charmante Sami die Skiläufer aus der Verpflegungsstation in den Pulverschnee. Wären es nicht zweistellige Minusgrade, 1 Uhr nachts, eine schwedische Meile 10 Kilometer lang und hätten die Teilnehmer nicht schon 20 von diesen Weg-Einheiten absolviert, könnte man von einer vergnüglichen Skitour ausgehen.

Aber wir sind beim Nordenskiöldsloppet, dem längsten Skilanglauf-Rennen der Welt. Skandinavier lieben solche Superlative und sie lieben ihre Geschichte. Der Ursprung für Birkebeiner-Rennen oder Vasa-Lauf besteht darin, das sich Thronfolger und Könige durch Flucht per Ski ihrem Schicksal widersetzten. Unsere Veranstaltung geht hingegen auf den Polarforscher Nils Otto Gustav Nordenskjöld zurück, der diesen Wettbewerb 1884 zum ersten Mal austrug. Auf seinen Reisen ließ er sich gern von den Nordland-Bewohnern, den Samen unterstützen. Ihre Leistungsbereitschaft und ihre Fähigkeiten auf den bis zu 3 Meter langen Ski machten sie zu unverzichtbaren Begleitern. Im Winter 1883 brachen zwei seiner Expeditionsmitglieder zu einer Erkundungstour auf und kamen nach zwei Tagen völlig entkräftet nach Hause. Ihre Berichte, wie weit sie gelaufen und wo sie gewesen waren, wurden allgemein angezweifelt und als unglaubwürdig eingestuft. Dies kam Nordenskjöld zu Ohren. Im Vertrauen auf seine Jungs wollte er deren Ehre retten. Es galt zu beweisen, dass die Samen innerhalb 24 Stunden über 200 Kilometer weit Skilaufen können. Die Strecke begann in dem Weiler Purkijaur, führte bis zum Wendepunkt bei Kvikkjokk und endete in Jokkmokk. Und tatsächlich: der Sieger benötigte für die 220 Kilometer 21 Stunden und 22 Minuten. Zehn Teilnehmer starteten und zehn kamen auch in Jokkmokk an. Berichten zufolge musste der Start allerdings etwas verschoben werden, weil ein Läufer nicht pünktlich erschienen war. Er reiste 90 Kilometer per Ski an und hatte sich zeitlich wohl etwas verplant. Die Samen waren somit rehabilitiert und das große Rennen ein Thema für die Geschichtsbücher.

2016 erfolgte dann die erste Neuauflage. Der in Lappland lebende Österreicher Wolfgang Mehl belebte die alte Idee. Gemeinsam mit einem großen Getränke-Hersteller aus seinem Heimatland organisierte er erneut den längsten Skilanglauf-Wettkampf der Welt: 220 Kilometer mit 1600 Höhenmetern durch die nordischen Weiten am Polarkreis auf derselben Strecke wie 1884. Die Teilnehmerzahl ist auf 500 begrenzt, die Infrastruktur der Region würde nicht mehr zulassen und der organisatorische Aufwand ist immens. Es sind Verpflegungspunkte im Nirgendwo zu errichten, personell zu besetzen und mit Material zu bestücken. Eine gewisse Grundsicherheit für die Akteure ist ebenfalls zu gewährleisten. Alles keine leichten Aufgaben in der schier unendlichen Wildnis.

2018 haben sich knapp 400 Starter aus 18 Nationen angemeldet. Wie vom Wetterbericht vorhergesagt, hat nachts Schneefall eingesetzt, der die am Vorabend gezogenen Spuren zu weichen Konturen degradierte. Der Start befindet sich auf einem großen See und die Spannung unter den Aktiven ist spürbar.
Pünktlich um 6 Uhr schickt ein in Tracht gekleideter Same das Feld mit einem Gewehrschuss auf die lange Reise. Aufgrund der Streckenlänge, der verschneiten Spur und der zu erwartenden Strapazen geht es unglaublich entspannt zu. Auch in der Spitzengruppe mit überwiegend Profis aus Skandinavien werden Höflichkeiten ausgetauscht, es wird geschwatzt und die Führungsarbeit wird durchgewechselt. Der Schneefall nimmt kein Ende und jedem Läufer ist klar, dass diese stumpfen Bedingungen lange Laufzeiten nach sich ziehen. So werden Bergrücken überschritten und unzählige Seen in der Doppelstock-Technik gequert. Manchmal befindet sich die Loipe auf engen Wanderwegen und manchmal stehen Wegweiser am Rand, die auf eine Sommerstraße schließen lassen. Im Abstand von maximal 14 Kilometern sind Verpflegungsstellen eingerichtet, wo warme Getränke, Zimtbrötchen, Käsebrote, Energiegels und auch die Flüssigkeit, die Flügel verleihen soll, gereicht werden. Für die Läufer besteht mehrfach die Möglichkeit, Bekleidung, Skiwachs, Stirnlampe und sonstige Ausrüstung zu deponieren. Mit den Startunterlagen wurden verschiedenfarbige Plastiksäcke ausgegeben, die man sich für unterwegs bestücken konnte und die per Motorschlitten zu den Stationen gebracht wurden.

Der erste ernsthafte Angriff im Rennen erfolgt nach 110 km durch den Tschechen Stanislav Recak, ein Urgestein der internationalen Skimarathon-Szene. Zwei Norweger können zu ihm aufschließen und das Führungstrio vergrößert ab da seinen Vorsprung kontinuierlich. Schließlich kommt es zwischen den Dreien zum Zielsprint, den der Vorjahressieger Andreas Nygaard vor Oeyvind Moen Fjeld und eben Stanislav Recak für sich entscheiden kann. Die Siegerzeit ist mit 13 Stunden und 25 Minuten mehr als eineinhalb Stunden länger als 2017 und selbst die Ersten kommen erst nach Einbruch der Dunkelheit im Ziel an. Sensationell läuft die erste Dame mit nur 36 Minuten Rückstand auf den Sieger als Gesamt-14. über die Ziellinie. Die Aussagen bei den Sieger-Interviews sind identisch: “Es war ein unglaublich hartes Rennen“. Die Siegerin sagt wörtlich: „Es war das Schlimmste und es war das Beste, was ich je in meinem Leben getan habe.

Hinter den Protagonisten kämpfen sich die anderen Skiläufer durch die Nacht, mal einzeln, mal zu zweit oder als kleine Gruppe. Manche haben das Glück, Elchen und Rentieren zu begegnen. Die Stimmung ist immer noch, im Gegensatz zu üblichen Skiwettkämpfen, extrem entspannt. Man redet beim Laufen, räumt die Spur, wenn jemand vorbei möchte oder sagt an, wenn man aus der mitgeführten Flasche trinken möchte, um ein Auffahren der Mitstreiter zu vermeiden. Es sind überwiegend Schweden, Norweger und Finnen, die mit Stirnlampe auf dem Kopf die Spur teilen. Auf dem Rückweg kommt das Feld also sehr vereinzelt an die Verpflegungsstationen und empfängt die Fürsorge der samischen Betreuer. Mit unglaublicher Herzlichkeit helfen diese, wo sie nur können. Es bleibt nicht beim Verpflegen, auch Stirnlampen-Batterien und die deponierte Kleidung werden gereicht, bei Bedarf beim Ski-Nachwachsen geholfen. Diese Unterstützung hilft vor allem moralisch. Trotzdem werden dieses Jahr gut ein Drittel der Teilnehmer das Rennen aufgeben. Die Gesundheit geht vor und manch einer macht sich keine Hoffnung, das Zeitlimit von 30 Stunden einhalten zu können. Der letzte gewertete Läufer erreicht nach 28 Stunden und 39 Minuten bei strahlendem Sonnenschein den Zielbogen von Jokkmokk – irgendwie auch als Sieger. Starter, die unter der besten Laufzeit von 1884 bleiben, erhalten die „Pavva-Lasse-Medaille“, benannt nach dem damaligen Gewinner, der vor 134 Jahren Unglaubliches geleistet haben muss.

Sechs Deutsche waren 2018 dabei und haben auch das Ziel erreicht. Herausragend ist das Ergebnis von Sten Währisch aus Dresden, der mit einer Zeit von 13 Stunden und 49 Minuten den 9. Rang belegte. Aus Thüringer Sicht benötigte Matthias Michalowski vom SC Motor Zella-Mehlis 20 Stunden und 39 Minuten.

Es ist nicht schwer, eine tiefe emotionale Verbindung zur nordischen Landschaft, zu den Menschen und auch zu diesem Lauf aufzubauen. Wer nur die Anstrengung zur Bewältigung der langen Distanz sieht, wird überrascht sein, wie viel mehr Lappland zu bieten hat.